Das Skateboarden war immer schon der Sport der Draufgänger und Außenseiter. Umso erstaunlicher gestaltete sich der Aufstieg eines des einflussreichsten Skaters aller Zeiten. Dort wo Surfer mit langen Haaren und wildem Auftreten die Szene dominierten, sorgte ein 14-jähriger dünner und schüchterner Junge 1980 für eine Revolution. Im berühmten Oasis-Skatepark von Los Angeles fand zu diesem Zeitpunkt ein Contest statt, der den Sport auf den Kopf stellen sollte. Rodney Mullen lehrte im August 1980 die Skater-Welt das Fürchten.

Mullen kam aus dem Nichts

Dabei basierte sein Auftritt auf einem Missverständnis. Er hatte angenommen, dass er nur mit neuen Tricks bei dem Contest antreten könne und dementsprechend lange an neuen Tricks in seiner Garage gefeilt. Obwohl er im Freestyle antrat, betrat der den Park in voller Schutzausrüstung und deklassierte die versammelte Elite der Skateboarder zu verblüfften Zuschauern. Mullen stand einen Trick nach dem anderen. Das Beste daran war allerdings, dass kaum jemand seine Tricks auch nur kannte. Mitten im Nirgendwo in Florida, wo Mullen zu Hause war, hatte er den ganzen Tag mutterseelenallein geübt. Er gewann seinen allerersten Skater-Bewerb überlegen und besiegte zugleich sein großes Idol Steve Rocco.

Tony Hawk zollte Tribut

Jahrzehnte später zollte Skateboarding-Superstar Tony Hawk diesem Auftritt Tribut. Er schrieb Mullen einen immensen Stellenwert für den Sport zu. Während alle anderen die immer gleichen Tricks zeigten, tat sich Mullen als Innovator hervor. Er versuchte sich an Dingen, an die niemals jemand zuvor auch noch gedacht hatte. Selbst in der eigenen Vorstellung erschien es unmöglich, solche Tricks auch noch ohne Sturz zu stehen. Mullen hingegen wollte unbedingt herausfinden was möglich war und arbeitete so lange daran, bis es schließlich klappte. Dieses Streben nach Neuem kann gar nicht stark genug hervorgehoben werden, es machte den damals erst 14-Jährigen zum Visionäre, dem ganze Generationen an Skateboardern nacheifern wollten.

Der Jedi-Ritter der Skater

Doch die Karriere schien vorbei zu sein, noch bevor sie richtig gestartet war. Sein Vater verbot ihm ganz einfach weiterzumachen. Erst die Aufmerksamkeit der Medien und eine Anfrage von Manager der größten Skateboard-Firma der Welt überzeugten ihn nachzugeben. Doch die Strenge seines Vaters spornte Mullen nur noch mehr an. Er verbrachte jede freie Minute auf dem Board. Er trainierte wie besessen, erfand neue Tricks am laufenden Band und übte diese, bis er sie wie im Schlaf beherrschte. Dabei setzte er auch auf neue Trainingsmethoden. Dieses Training bezeichnete Mullen später selbst als „Karate-Kid-Skateboardschule“. Er lernte Geist und Körper in Einklang zu bringen und sich nicht nur auf seine Augen zu verlassen. Dazu fuhr er komplette Küren, ohne auf seine Beine zu sehen.

Kein Wunder also, dass er sich bei den folgenden Bewerben bald den Ruf eines Jedi-Skaters einhandelte. Seine Tricks funktionierten so schnell und so perfekt, dass einzelne Bewegungen mit dem freien Auge gar nicht nachvollziehbar waren. Mit einem Basistrick erfand Rodney Mullen Anfang der 1980er Jahre das Skateboarden neu. Der „Ollie Prop-Pop“ änderte alles und erlaubte es den Skatern ohne Rampen über Hindernisse zu springen. Als die Freestyler ausstarben, erfand sich Rodney Mullen noch einmal neu. Er wurde zum Streetskater und revolutionierte auch diese neue Welt vollkommen. Im Alter von 35 Jahren wurde er schließlich zum „Skater of the Year“ gewählt.